Josef Erwa

Al ist tot.

Solange ein Mensch Spuren im Körper und in den Sinnen eines anderen Menschen hinterlässt, solange ist dieser Mensch lebendig. Es ist die Kunst des „Sichzeigens“, die die Spuren hinterlässt. Die Leidenschaft und die nie endende Sehnsucht zu sein, die sich in der Kunst auszudrücken versucht. Es ist die aufrechte Lebendigkeit, die sich als Werkzeug der Kunst versteht. Es ist der Widerstand gegen das Verseuchte und gegen das Risiko unterzugehen. Es ist das Vertrauen an das Schöne im Lebendigen und die Kraft und der Mut zum eigenem Schicksal. Es ist der durchströmte Körper, der seine Augen öffnet und seine Sinne reden lässt. Es ist die Kunst, an der sich die Schönheit Al’s gebar.
Al hinterließ tiefe und eindrucksvolle Spuren in den Herzen einer Vielzahl von Menschen.
Al war für mich der gefürchtete Wegweiser. Er zeigte mir erbarmungslos und klar meine innere Wüste. Er erinnerte mich nur daran zu atmen und erinnerte mich immer wieder meinen Körper zu spüren – solange bis ich endlich begriffen habe … bis ich endlich begreife, jedesmal wieder.
Al ist für mich „zwei große blaue Augen“, die sahen und die das Sein, das sie sahen, sein lassen konnten. Al lehrte nicht das rechte Leben und war kein Heilsversprecher. Er sehnte sich nach Freunden, nach Gewachsenem, Bewegtem und wusste von der Falle der Verehrung und Heiligsprechung. Er wäre ein talentierter Guru gewesen, und ich ehre ihn für seine Meisterschaft auf diese Macht verzichtet zu haben.
Al verstand sich zu schützen und ist mir Vorbild darin.
Al wusste von der abgrundlosen Macht der emotionalen Pest, sah und litt an den allgegenwärtigen Verseuchungen. Und klar blickte er mir ins Gesicht. Er hatte kein Mitleid, denn er wusste von der Kraft des sehnenden Werdenwollens, und nur das interessierte ihn und nicht die Heilung alter Verkrüppelungen.
Al war ein aufrechter Mann.
Er lebte sein Leben in den lebendigen Nischen seines eigenen Wollens und seiner Kunst mit seinen Freunden und Lieben und hatte Glück, weil er es verdiente.
„Don`t crack the walls, live in the cracks“, hat er einmal dazu gemeint.
Al war ein Mann und danach habe ich mich wirklich gesehnt. So rar sind schöne alte Männer, so selten gelebte Weisheit – und verdammt einsam sind die Söhne.
Al wusste und lebte durch die heilende Kraft seiner Kunst, vom Wagemut sich auszudrücken, von seiner Sehnsucht sich zu zeigen – und er zeigte sich in seiner Wahrhaftigkeit am Flügel mit seiner Frau als Gesang.
Al war mein einziger Lehrer und ich habe ihn nicht oft gesehen. – Selten hat er mich belehrt. Oft hat er sich abgewandt und manchmal sah ich geheime Zweifel in seinen Augen, oft war er hart und gab mir keinen Trost, ließ mich alleine und begrüßte mich jedes Jahr erneut.
Al war aufrichtiges und schönes Mannsein und kompromisslos darin, und fast verdurstet trank ich diese Botschaft und ich arbeite noch immer und mühsam daran.
Ich habe Al gefürchtet, wie sonst keinen Mann, weil ich nicht wusste, wie ich soviel an Liebe zu ihm sein kann.
Al war ein bescheidener Mann, der die ganze Lebendigkeit wollte und niemals aufhörte zu wachsen und sich zu verändern, einer der seine eigenen Schrecken und die Liebe kannte und sich täglich neu erfand.
Ich erzähle meiner Tochter von ihm …
Al wird lange in den Herzen und Sinnen von jenen weiterleben, die sich auf den Weg machten und nicht wissen, wohin er führen wird, die sich sehnen und scheitern und doch irgendwie weitermachen, in jenen, die erfolgreich sind und in jenen, die sich weitermühen und in jenen, die sinnlos vergehen, in allen, die irgendwann seine Schönheit gesehen haben.
Al führte als Schüler Wilhelm Reichs dessen revolutionäre Tradition fort, an deren wackeligen Anfang der Bewusstwerdung wir uns hoffentlich schon befinden. Eine andere Ausrichtung, ein neues philosophisches Verstehen, eine Orientierung nach dem Lebendigen, die aus dem geschichtlich Gewordenen hinausragt, die sich nicht in esoterische Jenseitsphantastereien selbstüberhöht und krümmt, sondern sich nach einem philosophischen Seinsinn ausdehnt, der die einzig gelebte, gegenwärtige Wahrhaftigkeit sein kann, der aus der geschichtlichen Tiefe zu uns herübertönt und die Sehnsucht nach Lebendigkeit und Schönheit in sich trägt. Weil wir lange noch nicht in diesem Weltenkörper zu Hause sind, gab es Männer, die suchten, sich fanden, sich zu leben wagten und in Widerstand zu den mächtigen Normalitätsansichten ihrer Zeit gingen. Männer wie Al Bauman, Wilhelm Reich, Friedrich Nietzsche oder Peter Sloterdijk haben sich der Wahrhaftigkeit verschrieben, so naiv oder anmaßend das auch klingen mag. Sie richteten ihren Blick auf die Realität des Menschenmöglichen und mit klarem Verstand auf das geschichtliche Scheitern und die Verbrechen – und waren entsetzt.
Sie haben sich mit offenen Sinnen der Liebe und der Lebendigkeit zugewandt und fanden Schmerz und Entsetzen, Erkenntnis und Weisheit, Leid und Verwirrung, Schönheit und Liebe.
Al war ein liebender Mann.
Nicht dass ich meine, dass er alles verstanden, oder philosophisch begründen konnte; er sprach auch nur wenig darüber in den Workshops. Und doch erinnere ich mich an viele einzelne, oft banale Sätze, die ich erst dann verstand, als ich sie in mir selber gefunden habe. Und da erinnerte ich mich Jahre später, dass das Al irgendwann einmal gesagt hat und freute mich daran, ihn ein wenig, wenn auch sehr spät verstanden zu haben. Es waren einfache Sätze, die an meinem Urgrund rührten.
Nicht dass ich Al überhöhen oder verklären will, aber es bleibt eine lebendige Erinnerung an einen weisen, alten Mann, der davon wusste, wie wenig er wusste, der bescheiden seine eigene Tiefe jeden Tag erneut suchte und sich nicht anmaßte, sich nicht überhöhte und ehrfurchtsvoll dem Leben gegenüber blieb.
Er war ein einfacher Mann und ein großer Künstler, dessen Werk ich viel zu wenig kenne. Er war ein naiver Mann, der sich vor der Pest zu schützen wusste. Er war ein mutiger Mann, weil er sich zu wehren verstand, denn er traute seinem eigenen Wollen – und er wollte die Liebe.
Al war ein schöner, alter Mann.

Allein gehe ich nun, meine Jünger. Auch ihr geht nun davon und alleine. So will ich es.
Geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra.
Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur Schüler bleibt.
Ihr verehrt mich, aber wie wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage.
Ihr seid meine Gläubigen, aber was liegt an allen Gläubigen?
Ihr hattet euch noch nicht gesucht, da fandet ihr mich. So tun alle Gläubigen, darum ist es so wenig mit allem Glauben.
Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden, und wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren…

Friedrich Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“

Brigitta Bolen

Lieber Al!

Du bist gegangen – vor kurzem. Und jetzt fragt mich Wolfram über Dich zu schreiben, für BUKUMATULA, weil ich Dir nahe war.
Ja, ich war Dir nahe – ich liebe Dich – noch immer – in Worte fassen? – Ich will an diesem späten Abend, wo ich gerade erst von der Arbeit heimgekommen bin und vernünftigerweise etwas essen sollte, eine Schachtel Pralinen nehmen („take one and get sick …“) und es versuchen.
Wer warst Du, bist Du? – für mich.
Ich fühlte mich von Dir so umfassend geliebt wie von keinem anderen.
Ich fühlte mich von niemandem so zugleich in Ruhe gelassen und zutiefst berührt.
Was hast Du mir gegeben?
Du hast mich mir selbst zurückgegeben, Du hast mich in Deiner Gegenwart meine Fragen selbst beantworten lassen, oder mich fühlen lassen, dass sie nicht nötig waren.
Du hast mir die präzisen, einfachen, feinen Fingerzeige, Worte, „Schubser“ gegeben, die ich, einmal wahrgenommen, immer sofort begriffen und nie wieder vergessen habe …
Du hast mich, als ich mich das erste Mal vor Dir auf die Matte legte für eine „Arbeit“, wie wir das nannten, auf den Bauch geküsst.
Und ich lachte – lachte, so wie nie davor in meinem Leben – ich fühlte mich erkannt in dieser simplen Art. (Für mich ist das nicht mehr „Arbeit“ – Dir sei Dank!)
Ich konnte nie mehr genug haben – das in Deiner Gegenwart – und dadurch auch mehr und mehr in meinem Leben, zu spüren.
Du hast es mir einfach zurückgegeben – das, was ich schon immer wusste. „Du weißt es ganz genau“ sagtest Du – und ich wusste, ja, es ist so – und begann dem zurückzuvertrauen – was ich schon wusste, fühlte. – Wie lernte ich das „Zurückfühlen“: durch Deine einfachen, simplen Übungen. Da ist kein Hokus Pokus.
„Just go with the feelings – streamings of your body – let your body talk to you.“
Ich entdeckte mit Deinem Hinweis, dass es so ist, dass mein Körper zu mir spricht – ich konnte mich in Deiner Gegenwart mehr und mehr daran gewöhnen – und es ist ein Schatz in meinem Leben geworden, der mit keinem anderen Reichtum aufgewogen werden kann.
Du hast mir meine Würde zurückgegeben. – Wie?
Du fragtest mich – und ich fühlte, dass Du interessiert warst an meiner Antwort – ganz einfach das klingt so einfach. –
Ich lernte auch in Deiner Gegenwart, dass es kein Problem ist, nicht alle Gefühle und Ansichten zu teilen – ich lernte in Deiner Gegenwart, dass es kein Problem ist, nicht immer verstanden zu werden –
weil ich fühlte, dass die Liebe, der Respekt und die Offenheit dadurch nicht weniger würden.
Es war so gut, im Raum Deiner einfachen, lustvollen Liebe mich so unsicher fühlen zu lassen wie ich immer war. Du hast mir auch meine Unsicherheit geschenkt.
Es gab bei Dir keine Grenzen – nicht weil sie überschritten werden konnten, sondern weil es sie nicht gab.
Ich fühlte, dass ich ich bin und dass Du Du bist und wenn es Kontakt gibt, ist das wunderschön – und wenn nicht – auch gut.
Du lehrtest mich, dass ich lieben kann – ohne Eifersucht. Es war kein Problem, Deine Liebe zu teilen oder meine Liebe zu teilen:
Danke dafür – ich hab es anders noch nie so erfahren.
Ich liebte Deine Art, mich zu genießen – ich fühlte dabei eine vollkommene einfache Reinheit und „Unschuld“ und fühlte mich nie in Besitz genommen.
Das war einfach ein unendliches Genießen, bis es genug war – schön! – Danke dafür!
Einfach, einfach, einfach!!! …
das warst Du für mich, das liebte ich an Dir – man sagt, dass ich kompliziert bin – in Deiner Gegenwart konnte ich mich einfach fühlen – und lernte mehr und mehr das einfach auch so zu sein – in allem.
Genug gesagt? – Ja, es muss nicht alles gesagt werden.
Ich liebe Dich, ich liebe das Leben, ich liebe mich, ich liebe, seit Du gegangen bist, sogar den Tod.
Danke dafür tausendmal und noch mehr. Mit Dir konnte ich leben, was ich meine, was Reich uns zeigte – ich will es einfach weiter tun …

Brigitta