Beatrix Teichmann-Wirth im Gespräch mit Andreas Duda über neue Lebensformen – ZEGG/Skan – im April 1998

Nun ist bereits ein Jahr vergangen, als Andreas und ich uns zusammenfanden, um miteinander zu sprechen. Damals, an jenem sonnigen Tag im März, einen Tag bevor Andreas seine große Amerikareise antrat und 2 Stunden nach meiner Mammographie, welche die Basis für die Brustkrebsdiagnose bilden sollte. So hat sich seitdem viel Veränderndes, ja Wandelndes in unser beider Leben ereignet und es mutet fast fremd an, das Gespräch jetzt nochmals durchzusehen.
Beweggrund für das Gespräch damals war, meiner Begeisterung aufgrund der Lektüre von Sabine Lichtenfels‘ Büchern und Informationen zum ZEGG einen Boden zu geben, der Theorie die Wirklichkeit an die Seite zu stellen. Überdies wollten wir einen Austausch halten über Skan, Körperarbeit, Wilhelm Reich, Sexualität, Freiheit, die Liebe und spirituelle Sehnsucht… Es war der Beginn einer Beziehung, in der nicht die Form regiert sondern das lebendige Interesse aneinander – so wie es ja auch in der Grundlegung des ZEGG beabsichtigt ist.

Beatrix: Lieber Andreas, Du hast beide Bereiche am eigenen Leib erlebt – Skan-Körperarbeit und das Zusammenleben im ZEGG. Ich selbst habe lange Reichsche Körperarbeit erfahren und gelernt und spüre eine Sehnsucht den Bereich der Öffnung auszudehnen – in die Welt hinein, sodass die Pulsation nicht nur im eigenen Körper betont wird sondern in einem Pulsieren von Menschen-Gruppen. Ich habe mich mit dem Modell des ZEGG nur theoretisch beschäftigt – habe die Bücher von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels gelesen, Sabine selbst bei einem Vortrag in Wien erlebt und war von all dem sehr beeindruckt und aufgeregt über das, was da an Neuem stattfindet. Was mich ein bisschen zurückhält da mehr einzusteigen ist der Umstand, dass es sich bei ZEGG um gewachsene Strukturen handelt, wo meiner Vorstellung nach bereits feste Regeln und Formen bestehen. Es geht mir nun darum, in unserem Gespräch den programmatischen Aspekt durch den erfahrungsbezogenen zu ergänzen. Vielleicht beginnen wir zunächst mit Deinem Weg.
Andreas: Eigentlich bin ich über eine Freundin, die Veronika, über die Lektüre des Buches von Loil Neidhöfer, welches sie gelesen hatte zu Skan und auch zum ZEGG gekommen. Im ZEGG bin ich vom Besucher zu einem Mitgestalter geworden, vor allem, was die Berücksichtigung des Körpers anlangt – die sogenannte „Körperbewegung“ ist ja eine Entwicklung, welche es im ZEGG erst seit etwa eineinhalb Jahren gibt.
B: Das ist interessant. Es ist ja da offensichtlich eine genau umgekehrte Bewegung. Bei Reichscher Körperarbeit vom Individuellen zu größeren Organismen – dies vor allem nur in der Sehnsucht von „Körperbewegten“; meines Wissens gibt es noch keine realisierten Versuche zu lebendigen Gruppenorganismen. Beim ZEGG dagegen scheint die Entwicklung von außen – von Konzepten zu Lebensformen und deren experimentellen Umsetzung – zum Inneren, dem Individuellen und damit dem Körperlichen stattzufinden.
A: Ja, ZEGG war, seit ich es kenne, ein eher „kopflastiges“, geistig ausgerichtetes Projekt und ist es eigentlich immer noch, und zum Teil sehe ich hier auch sehr viel Naivität in dem Sinne – und das war auch mein größter Kritikpunkt -, dass sie an Themen wie Sexualität und Liebe arbeiten und forschen und diese fast ausschließlich auf der Ebene des Geistes und Intellekts beleuchten, erfassen und bearbeiten.
B: Wobei ich beim Lesen der Bücher gerade von Sabine Lichtenfels schon das Gefühl bekommen habe, dass sie sehr wohl einen organismischen Weg gegangen ist, wenngleich sie auch keine Körperarbeit erfahren hat, so als hätte sie sich zu etwas Größerem, Offenerem, zu subtileren Wahrnehmungsbereichen hin entwickelt. Vielleicht gilt das jedoch nicht für die Personen, welche ins ZEGG als Besucher kommen.
A: Ja, ich denke mir, es gibt da sicherlich eine gewisse Bandbreite von Menschen, die ganz stark auf einer geistigen Ebene ansprechbar sind, wobei ich jedoch glaube, dass es auf die Gewichtung ankommt. Lichtenfels und Duhm propagieren eigentlich sehr stark diesen geistigen und spirituellen Weg. Aber wenn man es auf der Gesamtebene sieht – und das ganze hat ja den Anspruch eines Gesamtkonzepts, dann muss meiner Ansicht nach das Körperliche auch eine Berücksichtigung finden, weil bestimmte Menschen einfach eine andere An-Sprache, nämlich über das Körperliche brauchen.
B: Ist es vielleicht vielmehr so, dass der körperliche Aspekt nicht bloß nicht vorkommt sondern, dass er fast ein bisschen geringgeschätzt wird?
A: Ja, er wird tatsächlich eher gering geschätzt, aber auch aus Angst, wobei man zwischen dem ZEGG in Berlin und Tamera in Portugal unterscheiden muss; diese zwei Projekte divergieren mittlerweile sehr stark, wobei das ZEGG sehr eigenständig wird in seiner Entwicklung, auch weil Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels nicht mehr ihren Fokus darauf gerichtet haben und mit dem Aufbau von Tamera stark beschäftigt sind.
B: Und wie würdest Du das charakterisieren, die Unterschiede in der „Tönung“ dieser zwei Projekte?
A: In dem Sinne, dass das ZEGG immer offener wird. So fand ich mit meinen Impulsen über den Tanz im Rahmen einer Tanzwerkstatt, wo Tänzer aus dem Umfeld des ZEGG zusammenkommen, eine große Akzeptanz für diese Art eigenständiger Untenehmungen, und wir wurden bereits nach kürzester Zeit eingeladen Tagungen mitzugestalten. Da gibt es also ein Interesse an körperlicher Bewegung und Ausdruck und daran, mit dem Körper wieder was zu tun, sich diesem Aspekt vorsichtig anzunähern.
B: Das ist interessant, weil, wenn das Körperliche so außen vor bleibt, dann bekommt ja die Sexualität, die ja dort so wichtig ist, einen ganz eigenartigen, weil abgekapselten Charakter, weil sie ja nicht im Fluss ist, eingebettet in eine sinnliche Atmosphäre, die dann weiter bis ins Genitale hineinfließt.
A: Ja, so ist es ungefähr. Ihre Ausdrucksformen sind überwiegend der Gesang, das Malen, mehr in Richtung künstlerisches Gestalten – und auch die Gestaltung der wunderschönen Anlage in Berlin. Jetzt fließen auch schon Theater und Tanz mit ein, oder auch diese indianische Form des Tantras – dem Quodoushka.
B: Hast Du eine Idee warum es da eine fast schon programmatische Scheu vor dem Körperlichen und körperlichen Ausdrucksformen gibt?
A: Ich vermute, dass dies sehr stark durch Dieter Duhm geprägt ist. Dieter ist Psychologe, der in früheren Jahren Erfahrungen in Körperarbeit gemacht hat, aber irgendwann einmal gefunden hat, dass es das nicht ist.- Wie auch Wilhelm Reich später einmal sagte, und darauf beruft sich Dieter Duhm, dass man das grundsätzlich gesellschaftliche Problem, die Heilung von Neurosen, nicht therapeutisch lösen kann, weil man ja dann für jeden Menschen einen Therapeuten bräuchte. Dieter Duhm geht damit also auf die politische Ebene, hat aber damit meines Erachtens das Individuelle vergessen. Er denkt, dass eine gewaltlose Atmosphäre, verbunden mit Gemeinschaft und den dort erarbeiteten sozialen Strukturen und Methoden, gepaart mit geistiger Einsicht und willentlichem Bemühen alleine schon die „Heilung“ bewirken.
B: Also, wenn ich Reich richtig verstanden habe, ist es so, dass neue Strukturen auf der Ebene des Individuums und der Gesellschaft organisch wachsen sollen, d.h., es braucht sehr wohl eine Art Biotop, in welchem aber auch die individuelle Entpanzerungsarbeit stattfinden soll.- Das war ja auch meine Scheu wirklich einmal das ZEGG zu besuchen, dass die Art der individuellen Arbeit – zum Beispiel die Konfrontation in der Gruppe im sogenannten „Forum“ – meiner Entwicklung nicht mehr entspricht, und da war auch die Frage, wo mein Platz dort sein kann; und auch die Angst neuerlich mit Dogmen konfrontiert zu sein. Reich schreibt ja, dass Arbeit auf der strukturellen, auch individuellen Ebene geleistet werden muss, weil sonst Revolutionen nicht haltbar sind, wie er das ja auch für die russische Revolution gnadenlos darstellen konnte.- Aber jetzt zurück zu den beiden „Tönungen“ – ist Tamera so eine Art „Hochburg“?
A: Na ja, Hochburg. Es leben halt Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels dort, die diesen Platz aufbauen. Das ZEGG in Berlin ist eine Art Eingangspforte. Das ganze läuft unter der Schirmherrschaft von „Meiga“ und das ZEGG ist der Ort, wo Interessierte hinkommen und die Grundgedanken kennenlernen können, wo also der Schnittpunkt von Gesellschaft und dieser neuen Kultur ist, während Tamera wirklich als Heilungsbiotop geplant ist – als Vision in dem Sinn, dass es ein Lebensplatz ist, wo diese andere Kultur in allen Facetten und in der ganzen Komplexität gelebt werden kann.
B: Und ist es auch so, dass „gesiebt“ wird, wer Eintritt hat?
A: Nein, eher im Gegenteil, da gibt es sehr viel Einladung an verschiedene Menschen. Es siebt sich eher ganz natürlich aus, indem die einen begeistert und die anderen eher befremdet davon sind. Ich finde es auch gut, dass sie sich ganz viel Zeit lassen wollen – so an die 30 Jahre, es soll also sukzessive wachsen. Ein Problem dabei ist jedoch auch der Balanceakt zwischen organisch langsamem Wachstum und den finanziellen Notwendigkeiten und Realitäten.
B: Und dort finden auch Seminare statt?
A: Ja, die spirituellen Kurse, die Sabine Lichtenfels anbietet, die Kunstkurse von Dieter, jetzt findet gerade ein riesiger Gemeinschaftskurs mit etwa sechzig Personen statt. Oder auch Workcamps z.B. zur Olivenernte, zum Bau des Gästehauses, oder Workshops mit Referenten zu Themen wie Permakultur, Erdheilung, Ernährung, Butho, usw.
B: Was heißt das, Gemeinschaftskurs?
A: Ja, man lernt und erlebt die Methoden und Grundsätze des Gemeinschaftslebens, welche sie sich in all den Jahren erarbeitet haben. Und man erfährt, wie es ist in Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten, sich auseinanderzusetzen und eine klare und für alle sichtbare Kommunikation zu führen. Dafür haben sie für sich die Methode des „Forums“ entwickelt, wo sich eine Person aus der Gemeinschaft in die Mitte der Gruppe stellt und von sich erzählt, was sie gerade bewegt und beschäftigt. Auch ihre Arten des künstlerischen Gestaltens und Ausdrucks fließen in diese Gemeinschaftskurse mit ein.
B: Ist das so, dass man sich zu diesen Treffen z.B. jeden Abend zusammenfindet?- Wer halt will, oder …?
A: Nein, das ist eigentlich schon verpflichtend, wenn man sich als Mitglied des Gemeinschaftskurses begreift. Es gibt auch noch „geistige Stunden“, wo etwas zum Gemeinschaftsgedanken erzählt, oder aus einem der Bücher von Dieter oder Sabine gelesen wird, oder auch eine neue Idee, bzw. Erfahrung vorgestellt wird. Also eine Art Einführung in die Thematik, bzw. eine Vertiefung von Gelesenem. Im Fokus steht jedoch das Sich zeigen, weil davon ausgegangen wird, dass über die Transparenz Vertrauen entsteht und man sich immer mehr traut, sich in all seinen Seiten zu zeigen. Ich finde es halt schade, dass bei der Forumsleitung, wo man eigentlich sehr fein energetisch wahrzunehmen hat, manche – so habe ich den Eindruck – mit den verschiedenen Energien nicht umgehen können, bzw. diese gar nicht wahrnehmen; hier spielt die Angst vor Emotionalität mit rein.- Emotionalität muss immer sehr kanalisiert sein dort, sie muss eine Gestalt haben im Sinne eines kreativen Ausdrucks.
B: Hast Du da den Eindruck, dass diese „Formung“ der Emotionalität zu früh stattfindet, dass hier also zu früh etwas in eine Form gepresst wird, auch wenn, wie ich meine, es letztendlich um die Handlung und die Gestalt bzw. Gestaltung geht?
A: Hier geht es um sehr feine Unterschiede. Es ist ein Bereich in den sie sich nicht vorwagen, und da schlagen sie halt oft an Punkten, wo es spannend wird, wo sich gerade jemand öffnen würde, einen Haken und stoppen somit den begonnenen Prozess der Öffnung und kehren vielfach ins Konzeptionelle und Rationelle zurück – aus Angst vor dem „Unbekannten“.
B: Hier wäre es eigentlich schön, damit zu bleiben, unterstützt durch eine Person, einen „facilitator“, ein Begriff, der von Carl Rogers stammt, dass es da also jemanden gibt, der die energetische Bewegung und den authentischen Ausdruck furchtlos unterstützt.
A: Ja, ich finde es auch schade, weil es ein tolles Forum wäre, ein Feld, das auch trägt. Das war ja auch meine Gespaltenheit zu Skan und ZEGG. Ich habe mir beim Lesen von Loil Neidhöfers Buch auch etwas anderes vorgestellt, nämlich, dass es bei Skan auch einen gesellschaftlichen Ansatz gibt, aber es war nur Ausbildung und im ZEGG war es umgekehrt. Hier hat der Körper und die Emotionalität keinen Platz gehabt, wo ich mir gedacht habe, dass sich die beiden doch gegenseitig bedingen und es auch ein Zusammenkommen von den beiden braucht.
B: Ja, ich war auch enttäuscht, dass das, was ja auch von Loil vor allem im zweiten Buch, „Disziplin der Lust“, so angeregt wird, dass das so wenig realen Ausdruck fand in unserer Skan-Gruppe, und dass dann im 3. Jahr, wo es um Fragen der freien Liebe gegangen ist, dass das so unbeantwortet geblieben ist, wobei ich nicht meine im Sinne einer dogmatischen Beantwortung der Frage, sondern eher um sich gemeinsam diesen Fragen zu widmen – wie man nun mit dieser, aus der körperlichen Panzerung befreiten Sexualität auch frei leben kann, wie man Treue verstehen kann jenseits der Monogamieforderung usw. Da gibt ja leider auch Reich, wenn man seine biographischen Daten heranzieht kein Modell, wobei ich bisweilen den Eindruck hatte, dass er zwar zu tiefem vegetativen Kontakt fähig war, nicht jedoch zur Verbindlichkeit, zum Bleiben mit einem Menschen.
A: Diese Erfahrung der mangelnden Transparenz haben wir in unserer Skan-Gruppe auch gemacht, und da habe ich gemerkt, wie sehr ich mir diese Transparenz im Umgang miteinander, wie es im ZEGG gelebt bzw. zu leben versucht wird, gewünscht hätte.
B: Wie ist das bei Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm? Hast Du hier auch den Eindruck, dass da eine Art Abkapselung in die Ikonenhaftigkeit stattfindet?- Es ist ja bei jedem System die Gefahr, dass die Menschen, die das in die Welt gebracht haben, selbst nicht mehr weitergehen in ihrer Entwicklung.
A: Interessant ist, dass ja Loil vom privaten und gesellschaftlichen so sehr ins Spirituelle abwandert und eigentlich sagt, dass alle Veränderung hier sinnlos ist. Bei Sabine Lichtenfels ist es ähnlich – ihre „Steckenpferde“ sind die Spiritualität und die Traumforschung und die Arbeit mit Affirmationen, wobei ich mich oft frage, wieso sie glaubt, dass man mit Affirmationen allein etwas verändern kann, also das ist vielleicht eine „nette Begleitung“, aber das kann es doch nicht wirklich sein. Traumforschung, also diesen Aborigines-Aspekt finde ich zwar ganz spannend, aber es erscheint mir dennoch zu wenig. Ich war einmal in Tamera auf einem Theater-Workshop, wo ich so gemerkt hab, dass es Ihnen nicht möglich war einen kontinuierlichen Energiebogen über diese zehn Tage zu spannen, bzw. mit so dichter und hoher Energie umzugehen, ohne sie gleich entladen zu müssen. Und meine Vermutung dabei ist, dass es an der Vermeidung bzw. Verdrängung der emotionalen Kraft und deren Dynamik lag.
B: Na ja, sich da hineinzuwagen bedarf ja auch einer Art „organismischen Wissens“, weil man dann gelassen bleiben kann, wenn man weiß, es geht seinen vegetativen Bogen, das dauert eine bestimmte Zeit, und in der Regel gibt es dann ein Herauskommen. Aber wenn man über diese Abläufe im eigenen Leib nichts weiß, bekommt man Angst.
A: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in diesem Feld, wenn da emotional etwas passiert, eine ungeheure Spannung in der Luft liegt, eine Angst und ein Schrecken, weil sie es nicht gewohnt sind auf der emotionalen Ebene zu arbeiten. Deshalb ist ja, was die momentane Entwicklung betrifft das Berliner ZEGG für mich gerade interessanter als Tamera, weil ich das Gefühl habe, dass Dieter und Sabine sehr wohl ihre eingefahrenen Linien haben und da wenig Raum für Neues ist. Im ZEGG sind sie hingegen gerade aus ihrer „Isolationsstellung“ herausgekommen, und da sind die Tore auch relativ weit offen. Deshalb ist das auch ein ganz toller Platz, wo genau diese beiden vorhin erwähnten Aspekte zusammenkommen. Die Erfahrungen und Methoden aus dem ZEGG und meine zusammengesammelten Erfahrungen im Bereich Tanz und Körperarbeit. Ich habe z.B. letzten Sommer gemeinsam mit einer Frau, die im ZEGG lebt und die ich sehr schätze, eine Gruppe zum Thema „Kontakt und Bewegung“ gemacht. Da haben wir auch gemerkt, wie groß das Bedürfnis der Gäste nach beidem war. Mit dieser Arbeit konnte der thematische wie atmosphärische Input körperlich verdaut und ausgedrückt werden, und somit bestand keine „Staugefahr“ mehr. So entstand dann auch innerhalb kürzester Zeit ein Vertrauensraum, wo viele sich mit ihren Anliegen und Fragen zeigen konnten. Das war auch eines meiner berührendsten Erlebnisse im ZEGG. Dass es zu einer Umsetzung und zu einem Zusammenkommen dieser beiden Konzepte an diesem Platz kam, und dass dies eigentlich genauso aufgegangen ist, wie ich es mir gewünscht hatte.
B: Weil Du das Vertrauen ansprichst: wie ist das mit der Sexualität – da gibt es diese viele geistige Arbeit, die Inputs auf dieser Ebene und dann gibt es sozusagen die Praxis der Sexualität. Wie gestaltet sich das, wie macht man das, wenn die Körper nicht frei sind?
A: Ich glaube, dass anfänglich die Faszination und Aufmerksamkeit viel mehr auf das Experimentieren, das Ausleben und Sprengen von Konventionen und von Tabus gerichtet war, um endlich mal die bürgerliche Moral und Enge hinter sich lassen und auf Entdeckungsreise gehen zu können. Und ich glaube, dass die Faszination eines Aufbruchs in neue Welten zu Beginn auch sehr aufweichend und öffnend wirken kann. Doch wenn diese erste Öffnung einmal vorbei ist, dann gilt es Farbe zu bekennen, wenn es wieder eng und hart wird. Und an dem Punkt haben sie sich meiner Wahrnehmung nach an den Worten von Dieter orientiert und versucht über geistig willentliche Arbeit, den Schmerz der Eifersucht und des Verlassenseins zu bändigen und sich einzureden versucht, eben nicht eifersüchtig zu sein. Da haben sie scheinbar ein Bild in sich aufgenommen, das mit der eigenen Realität nicht übereinstimmt.
B: Da muss ja dann auch eine Wahnsinnsangst da gewesen sein, wenn man nicht fühlen darf, was man fühlt. Ist es jetzt eher so, dass das, was man ist, bejaht wird?
A: So ist es. Es schälen sich jetzt mehr und mehr die einzelnen Personen heraus, ihre eigenen Charaktere, ihre eigene Arbeit. Seit eineinhalb Jahren – da gab es einen Umschwung – sprechen die Menschen auf einmal von sich, wiederholen nicht Gelesenes, was und wie man es machen sollte, sondern sie sprechen von ihren Erfahrungen, davon, wo sie jetzt in ihrem Prozess stehen; es wird einfach viel griffiger, einige gehen nochmals zur Schule, sie gehen auch wieder vermehrt in Zweierbeziehungen zusammen, um diese zu vertiefen.
B: War das denn auch tabuisiert?
A: Das hat es schon gegeben, nur lässt man sich von vornherein dort, wo es wirklich schmerzhaft werden könnte nicht so tief ein. Es gibt zwar einen Menschen, mit dem du zusammen bist, wo es sicher auch eine Sehnsucht gibt nach Tiefe und Intimität, aber du bleibst dennoch auf der „vorgegebenen Linie“ in dem Sinne, dass du sagst mir ist meine sexuelle Freiheit wichtiger – eben das „ganz normale Spiel der Polaritäten“. Das sind dann immer genau diese Grenzgänge: sich tief einzulassen und trotzdem als sinnlicher, sexueller Mensch in der Welt zu stehen.
B: Ich weiß nicht ob das so wirklich stimmt – aber war das eine Form der prägenitalen Sexualität im Reichschen Sinne? Da kann man ja dann auch viel machen, weil es nicht wirklich etwas bedeutet, es hat nicht die Tiefe und es affiziert einen auch nicht energetisch so stark. Ist das so wie eine Art Experiment „wir erkunden uns“, so eine Art Doktorspiel?
A: Genau. Die „andere Seite“ findet erst jetzt statt, es ist eine ständige Veränderung, es ist nichts Fertiges. Das gefällt mir deshalb auch jetzt so gut, es ist offen, der Prozess geht weiter.
B: Das bekommt aber dann auch mehr Ernst, nicht den Todernst, nicht den dogmatischen, sondern den genitalen Ernst im Sinne Reichs.- Es wird von beiden, von Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm immer so betont, dass es um die Wahrhaftigkeit geht. Aber Wahrhaftigkeit fängt ja wohl dort an, dass ich weiß, was in mir los ist und dass ich auch dafür die Verantwortung übernehme, auch wenn es etwas in mir ist, was nicht frei ist. Es geht also um eine weitergehende Sehnsucht nach wirklicher Verbindung, um wirkliche Intimität
A: Ja, oder auch das Interesse am Gemeinschaftlichen, als Gemeinschaft zu wachsen und sich zu entwickeln. Es gibt auch immer wieder Wochen, die der Gemeinschaft gewidmet sind, wo sie sich um eine interne Stabilität bemühen.
B: Wie viele Menschen wohnen denn ständig im Berliner ZEGG?
A: Ungefähr 70 Erwachsene und etwa 20 Kinder. In Tamera sind es wesentlich weniger, so an die 10 Personen.
B: Hat das nicht auch sehr was Einsames dort, vor allem in den Wintermonaten?
A: Na ja, sie haben immer wieder Kurse und es sind auch Besucher dort. Es ist aber auch als etwas anderes gedacht: als spiritueller Raum, als Rückzugsbereich, wo Ruhe ist im Gegensatz zum ZEGG. Ich weiß jedoch auch zuwenig über Tamera. Der Platz ist jedenfalls traumhaft schön.
B: Wir wollten ja Sabine Lichtenfels zum Reich-Symposium im letzten Jahr nach Wien einladen.
A: Oft denke ich, sie heften sich den Reich an die Fahnen und begreifen nicht wirklich, was der meint. Aber wahrscheinlich ist das so, wenn du in einem Projekt drinnen bist, dass du dann jene Aspekte herausgreifst, die dir ins Konzept passen und die anderen lässt du draußen. Aber da verändert sich eben auch gerade einiges.
B: Das ist aber eine schöne Entwicklung, wo ich merke, dass da auch etwas in mir aufgeht.
A: Es gibt eben die verschiedensten Wege. Es finden ja auch Gastseminare statt, die zum Teil sehr körper- und emotionsbetont sind. Wie z.B. von Veresh, der schon zweimal Workshops dort gehalten hat oder die Quodoushka-Seminare aus der indianischen Tradition.- Die drei Aspekte – Skan, ZEGG und diese indianische, greifbare, erdige Spiritualität – die sind mir sehr wichtig.
B: Was die Transformation und Spiritualität betrifft, so ist mir beim letzten Buch „Weiche Macht“ von Sabine, das mir außerordentlich gut gefällt, aufgefallen, dass Sabine sehr persönlich schreibt, solange es um die eingeschränkte Liebe in ihrem Leben geht. Dann, mit dem“Einbruch des Neuen Zeitalters“ wird der Ton sehr programmatisch, übergeordnet und unpersönlich, und da ist keine Rede mehr davon, wie sie mit Eifersucht lebt und wie es ist, wenn man den Partner mit jemanden anderen in Zärtlichkeit sieht. Das hat mir richtig gefehlt.
A: Ja, das ist es ja genau, was ich meine; sie betonen den politischen, großen Gedanken, finden aber den Weg nicht zum Jetzt, zu dem, was jetzt real los ist. Darauf haben sie auch keine Antworten.
B: Na ja, da kann man ja auch keine Antworten darauf haben, die allgemein gültig sind.- Da geht es meiner Ansicht nach darum, dass man in der Frage bleibt. Das ist die Antwort, beständig dafür offen zu sein, wie ist es bei mir. Da hört sich die Programmatik auf, weil jeder seine eigene Entwicklung hat; mancher wird weiter sein, im wahrsten Sinne des Wortes, dass er mehr tolerieren kann. Und das wird auch bei jedem einzelnen phasenweise unterschiedlich sein; bisweilen kann man sehr offen sein und bisweilen muss man eng mit dem Partner zusammenkommen, das ist wie bei physiologischen Kurven.
A: Sie proklamieren ja mehr oder weniger den ganz eigenständigen, liebenden Menschen, der seine Liebespartner gleich gewichtet.
B: Das heißt, man kann mit mehreren intime Beziehungen haben, und hat mit jedem einzelnen etwas ganz Eigenes zu tun.
A: Es gibt keine „Nummer Eins“.
B: Und was ist da Deine Erfahrung?- Du lebst ja auch in einer Beziehung …
A: Da existieren für mich gerade zwei Seiten, wo die eine die der Intimität ist, des kontinuierlichen Miteinanders, wo ich merke, dass es mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich ist, mit mehr als einem Menschen so eine Tiefe und Nähe zu teilen, der also ganz klar die „Nummer Eins“ ist. Und auf der anderen Seite die Erfahrungen, mich so aus vollem Herzen an der Lust, Sinnlichkeit und Körperlichkeit zu erfreuen, als eine Art Sprache oder Ausdruck meines Selbst – sowohl in meiner Beziehung zu meiner Freundin wie auch zu anderen Frauen oder auch zu Männern.
B: Für Dich ganz persönlich spießt sich da nichts? Du kannst so sein in Deiner Leichtigkeit und in Deiner Herzensfreude und Freiheit und wenn Du dann Deiner Partnerin begegnest, kannst Du Dich mit derselben Freude und Tiefe auf sie einlassen?
A: Mit einer noch viel größeren Freude. Obwohl es auch hier Veränderungen gibt, und da habe ich erlebt, wie es halt so in Beziehungen ist: einer steht auf der einen Seite und der andere auf der anderen – und im Grunde genommen haben beide beides. Diese Angst habe ich nie an mich herangelassen. Ich habe mit einer anderen Frau genau die umgekehrte Position gehabt; da war ich in der Angst vor dem Verlassenwerden. Das heißt, diese Angst gibt es bei mir genauso und gleichzeitig merke ich, wie sich durch wachsendes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein etwas verändert, wo ich merke, ich bin es wert, dass jemand mit mir zusammen ist und dass ich Qualitäten habe, weshalb mich jemand nicht so einfach verlässt. Also es gibt beides. So ist mir das, wie meine Freundin einmal mit jemandem im ZEGG ins Bett gegangen ist, voll „eingefahren“. Aber auf der anderen Seite habe ich auch damit umzugehen gelernt, es ist nicht mehr so diffus, wobei diese Problematik in der Beziehung nicht Alltag ist.- Es ist mein Potential an Lebensenergie, das ich zur Verfügung habe. Da möchte ich auf jeden Fall hin, das ist etwas, was nach wie vor aktuell ist. Ich habe nur auch den Angst- und Schmerzteil integriert. Ich stehe jetzt halt einfach in dem Zwiespalt – eine riesige Sehnsucht nach Tiefe und Intimität zu spüren und gleichzeitig möchte ich mich ausdehnen. Ich fühle mich emotional gerade wie in der Pubertät, auch im Sexuellen, wo ich merke, dass ich mich da nie wirklich ausgelebt habe, nie wirklich auf Abenteuer gegangen bin, nie wirklich der Neugier nachgegeben habe, wo ich merke, ich bin ein sehr sinnlicher Mensch – und diese Sinnlichkeit steht für sich, sie hat im Grunde nicht direkt mit der Beziehung zu tun. Nicht in dem Sinne, dass sie für die Stabilität oder Intimität gefährdend wäre. Es geht nicht darum mir einen neuen Partner zu „angeln“, sondern um das sinnlich erotische Spiel und Erleben – eine wahre Quelle von Vitalität und Kraft!
B: Ich denke schon, dass die Felder in denen man lebt, sehr wesentlich sind, mit welcher Offenheit man lebt. Wenn man vor allem von „Monogamen“ umgeben ist, wie dies ja auch in der Skan-Gruppe war – mit Ausnahme von Brigitta Bolen, die an dem Weg der Öffnung in einer sehr mutigen und wahrhaftigen Weise drangeblieben ist -, gab es im wesentlichen niemanden, der das angetastet hätte. Und auch in meinen Erfahrungen mit Männern habe ich leider erfahren müssen, dass der possessive Anteil, das „Nicht-der-zweite-sein-Wollen“ so stark ist, dass es nicht möglich war mit zwei Männern in Liebe zu leben, wobei ich das Gefühl hatte, dass das für mich möglich wäre.
A: Ja, da ginge es darum durch die Grundängste zu gehen. Das ist jedoch auch etwas, wovor sie sich meiner Beobachtung nach im ZEGG noch schützen.
B: Da geht es ja auch darum sich zu zeigen und zwar in all dem, nicht nur in der anderen Art von Artigkeit und Souveränität – nicht eifersüchtig zu sein -, sondern in dem, was jetzt ist, also auch in den Gefühlen der zweiten Schicht nach Wilhelm Reich.
A: Wenn du dich mit diesen Themen in der Beziehung auseinandersetzt, dann macht das Leben Therapie mit dir.
B: Ja, es könnte die tiefe Auseinandersetzung in der Beziehung stattfinden, es braucht nur ein Gegenübertreten und ein Sich äußern, was für mich Sache ist in dem Moment.
A: Aber wenn wir als Paar in solche Tiefen kommen, bin ich überfordert wenn ich bzw. wir allein sind, da braucht es dann ein Umfeld. Deshalb geht es für mich da auch nur in der Gemeinschaft wirklich weiter – in der Gemeinschaft als größeres Gefäß.
B: Ist es jetzt im ZEGG auch schon so, dass man als Paar ein Umfeld findet? Ich habe gedacht, dass man zwar allein gut dort sein und seine Experimente machen kann, aber als Paar wird es nicht so gewürdigt, dass es hier eine bestimmte Dynamik gibt. Es bedeutet dann auch nicht so viel, wenn man allein hinfährt und seine Beziehungen auf einem bestimmten Level hält und das genießt; dann ist das zwar ein guter Urlaub, der aber nicht mit den eigenen Schattenseiten und Ängsten konfrontiert.
A: Ja, da hat sich sicher etwas verändert, weil ja jetzt auch viele in Beziehungen leben und sie auch die Tiefe suchen, und darin werden sie zunehmend unterstützt; es wächst jetzt eine größere Aufmerksamkeit und Vorsicht, was sexuelle Begegnung auch mit einem macht.
B: Da gibt es ja überhaupt Veränderungen – in dem Sinne, dass es energetisch subtiler wird, wo auch nicht mehr die „Entladung“ das Ziel ist. Das wäre dann auch im Sinne von Vorsicht und größerer
Bewusstheit. Wobei hier aber die Gefahr besteht, dies in ein neues Konzept zu bringen, wie Sexualität zu gestalten ist.
A: Deshalb gefallen mir auch Menschen so wie es Al Bauman und Michael Smith waren, die einen „in seinem Sein“ lassen konnten.
B: Da erinnere ich mich, dass Michael in seinem Todesjahr einmal gesagt hat, dass die Sensibilität bei ihm über die Jahre dafür gewachsen ist, wie er und Ellen, seine Frau, in anderen Formen miteinander „strömen“ können, z.B. auch beim Spazierengehen. Herauszufinden also, was wann angesagt ist und auch offen dafür zu sein, wie die Sexualität jetzt in diesem Augenblick sein will: heftig oder sinnlich wahrnehmend.
A: Das ist ja die wahre Kunst in einer Beziehung: sowohl für sich eine differenzierte Wahrnehmung zu haben und zum anderen wahrzunehmen: was brauche ich in der Beziehung zum anderen. Und genau aus dieser Wahrnehmung heraus speist sich die Sinnlichkeit. Nicht so wie in den monogamen Beziehungen, wo zwei ausschließlich zusammen sind, eigentlich zusammenkleben und dann sich im Akt der Trennung in zwei getrennten Universen wiederfinden. Hier gilt dieses männliche Prinzip der Trennung, wo immer wieder Distanz und Trennung stattfindet. Da geht es darum, immer wieder Distanz zu schaffen, um neu hinschauen zu können und um Anziehung entstehen zu lassen.
B: Im Sinne dieser „gesunden Distanz“ finde ich, dass getrennte Räume wichtig sind. So finde ich es gut, dass Frauen mit Frauen und Männer mit Männern zusammenleben und dass man punktuell als Mann mit der Frau und als Frau mit dem Mann zusammenkommt. Und dass man in diesen Frauen- und Männerräumen auch die Geborgenheit und Sicherheit findet, welche man üblicherweise beim Partner sucht, der für diese Qualitäten voll und ganz zuständig ist.
A: Hier wird im ZEGG immer wieder stark experimentiert, z.B. dass bei den Gemeinschaftskursen Frauen und Männer getrennt in ihren Schlafräumen sind. Für gemeinsame Stunden gibt es die „Liebeszimmer“.- Es gibt sicher ganz Wesentliches, was Sabine und Dieter erarbeitet haben – und wenn das alles zusammenkommt und jeder etwas dazu beiträgt, dann kann das wirklich ein schönes Gesamtbild ergeben.