Im Laufe seiner psychoanalytischen Tätigkeit in Wien beobachtete Wilhelm Reich, dass die Prognose der Klienten entscheidend davon abhing, inwieweit es diesen gelang, ein befriedigendes Sexualleben zu führen. Auf einem Kongress im April 1924 berichtete er, der Rückfall in die Neurose nach einer psychoanalytischen Heilung werde in dem Maße vermieden, in dem die orgastische Befriedigung im Geschlechtsakt gesichert sei (Reich, 1969, S.100). Er betonte später wiederholt, es sei wichtiger, herauszufinden, wie man Neurosen verhindert, als diese in aufwendigen Therapien bei einzelnen Menschen zu beseitigen. Für die Entstehung der „Neurosenseuche“ in unserer Kultur machte Reich drei Hauptetappen des menschlichen Lebens verantwortlich: die frühe Kindheit und die Pubertät – in welchen die übliche Erziehung die Menschen lustunfähig mache – sowie die Zwangsehe.
Reich interessierte sich dafür, welche Faktoren ursprünglich für die Entstehung der lustfeindlichen Erziehung und Sexualunterdrückung verantwortlich waren und mit welchen Mechanismen es gelungen war, diese über Generationen hinweg in den Menschen zu verankern. Diesen Fragen ging er in seinem Buch „Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“ nach. Er bezog sich hierbei unter anderem auf die Berichte des Ethnologen Bronislaw Malinowski, der 1915-1918 bei den Trobriandern gelebt hatte und dort in unserer Kultur weit verbreitete Neurosen nicht vorgefunden hatte. Malinowski hatte auch die von Freud proklamierte Universalität des Ödipuskomplexes widerlegt und kritisierte die ethnozentrische, verallgemeinernde Haltung der psychoanalytischen Theorie.
Bronislaw Malinowski gilt als der Begründer der Sozialanthropologie. Er hatte die Sprache der Trobriander erlernt und die teilnehmende Feldbeobachtung als wichtiges Fundament der Erkenntnisgewinnung in die Ethnologie eingeführt. Dies ist insofern als eine grundlegende Erneuerung dieser Wissenschaft zu verstehen, als frühere Forschungsarbeiten über sogenannte „Naturvölker“ weit davon entfernt gewesen waren, die komplexen Regeln des Zusammenlebens, die in jeder menschlichen Gemeinschaft existieren, zu verstehen und zu beschreiben, sondern diese Völker herablassend aus der Sichtweise unserer Kultur entweder als wild und unkultiviert darstellten oder einseitig deren Dasein im paradiesischem „Urzustand“ verherrlichten.
Reich las Malinowskis Schriften ab 1930; wenige Jahre später lernte er diesen in London persönlich kennen, es entstand eine Freundschaft und gegenseitiges Interesse an den jeweiligen Arbeiten des anderen.
Einem GEO-Artikel mit dem Titel „Das gerettete Eden“ (GEO, 1993) war zu entnehmen, bei der Wiederentdeckung der Schriften Reichs durch die 68er seien die Trobriander zu „Hoffnungsträgern“ geworden, man habe den Partner beim Küssen, den Trobriandern gleich, in die Unterlippe gebissen, um „sexuelles Bewusstsein“ erkennen zu lassen. Das Klischee der Trobriand-Inseln als „Südseeparadies“ oder „Inseln der freien Liebe“ wird in der Presse noch heute aufrechterhalten, wofür jüngere Trobriander, von welchen einige in Papua Neuguinea studieren, die Schriften Malinowskis verantwortlich machen. Malinowski selbst war jedoch seinerzeit sehr enttäuscht darüber, dass sich das Publikum auf einige sensationelle Aspekte gestürzt hatte und das eigentliche Anliegen des Buches zu ignorieren schien. Es ging ihm vorallem darum, seine funktionale Arbeitsweise darzustellen, welche darauf abzielte, die Funktion der erhobenen anthropologischen Fakten zu erklären, also welche Rolle diese innerhalb einer Kultur spielen und in welchem Verhältnis sie innerhalb dieses Systems sowie mit der physischen Umgebung stehen. Er wollte verständlich machen, wie die Organisation der Sexualität bei den Trobriandern der Stabilisierung der Gesellschaft dient. So haben Phänomene wie das Junggesellenhaus („bukumatula“), in welchen die Jugendlichen sexuelle Erfahrungen sammeln können, eine Funktion innerhalb der Kultur, da dort grundlegende Regeln des Sozialverhaltens erlernt werden und da die positiv erlebte Sexualität später die Bindung zwischen den Partnern und somit die Familie stabilisiert. Die Familien wiederum festigen aufgrund von gegenseitigen ökonomischen Abhängigkeiten das gesellschaftliche Gefüge.
Die Trobriander sind bei den Verhaltensforschern auch heute noch Thema, weil viele Elemente ihrer ursprünglichen Kultur erhalten geblieben sind. Die Gründe hierfür liegen bei den Trobriandern selbst, die sehr stolz auf ihre Kultur sind, und in der Geschichte der Inseln.
Während das heutige Neuguinea wahrscheinlich bereits vor 50.000 Jahren durch Seefahrer aus Südostasien besiedelt wurde, erfolgte die Besiedlung der Trobriand-Inseln vor 4.000-5.000 Jahren durch die sogenannten Austronesier, ausgehend von Südchina und Taiwan über die Philippinen und Indonesien.
Die Trobriand-Inseln wurden 1793 von einem französischen Forschungsreisenden entdeckt, welcher sie nach seinem Leutnant Trobriand benannte. Sie liegen in der westlichen Südsee und sind Teil des seit 1975 unabhängigen Staates Papua Neuguinea. Papua Neuguinea legt Wert auf den Erhalt verschiedener Kulturen. Die Trobriander, inzwischen insgesamt ca. 20.000-25.000 Menschen, sprechen Kilivila, eine austronesische Sprache. Die Dörfer haben einige Dutzend bis wenige hundert Einwohner. Ihr Hauptnahrungsmittel sind Yamswurzeln und andere Nahrungspflanzen, außerdem fischen und jagen sie. Unter- und Mangelernährung sind hier im Gegensatz zu anderen Gebieten Neuguineas unbekannt.
1884 wurde Südost-Neuguinea einschließlich der Trobriand-Inseln englisches Protektorat, wenige Jahre später Kolonie. Um 1900 kamen die ersten Europäer auf die Trobriand-Inseln, Missionen wurden eröffnet und man begann, die Kultur der Trobriander zu dokumentieren. Die frühen Berichte stammen von Missionaren und Kolonialbeamten, die späteren von Ethnologen. Die Christianisierung erfolgte hier zurückhaltend und vorwiegend über einheimische Pastoren, man findet deshalb heute eine Mischreligion mit vielen traditionellen Elementen vor.
Die Abstammung der Kinder wird nach der Mutter bestimmt, die politische Macht liegt bei den Männern in Form einer strukturierten Häuptlings-Hierarchie.
Der Übergang der mutterrechtlichen zur vaterrechtlichen Gesellschaftsstruktur, der sich schon zu Malinowskis Zeiten abzeichnete, bildet ein zentrales Thema der Schrift „Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral“ von Wilhelm Reich. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei die sogenannte Kreuz-Vetter-Basen-Heirat: Da der Bruder der Mutter für die Versorgung der Familie zuständig ist, kann ein materiell interessierter Mutter-Bruder seinem Sohn Vermögen zukommen zu lassen, indem er diesen mit der Tochter seiner Schwester verheiratet. Um zu verhindern, dass diese sich für einen anderen Partner entscheiden, müssen sich Kinder, die für eine solche Heirat bestimmt sind, von vorehelichen sexuellen Aktivitäten fernhalten. Wilhelm Reich erklärt, wie hieraus gesamtgesellschaftlich im Laufe vieler Generationen eine Tendenz zur Anhäufung von Privatbesitz, einer Hierarchisierung der Gesellschaft, eine sexualverneinende Haltung und einer Verschiebung der Macht in Richtung Patriarchat resultiert. Durch die Erziehung wird die sexualverneinende Haltung in jedem einzelnen Individuum verankert, so dass aktive Unterdrückung von außen in unserer Kultur entfallen kann, da die intraindividuellen Unterdrückungsmechanismen ausreichend sind, um die gesellschaftlichen Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten. Als weiterer Faktor der Machtverschiebung kommt in jüngster Zeit der Handel mit dem Festland hinzu; es werden für den Fischfang zunehmend größere Boote verwendet, auf welchen den Frauen nicht gestattet wird mitzufahren, diese Einnahmequelle ist also den Männern vorbehalten. Die Bedeutung wirtschaftlicher Faktoren nimmt zu, da die Ressourcen angesichts des Bevölkerungswachstums auch hier nicht unbegrenzt sind: Seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts hat sich die Bevölkerungszahl verdoppelt.
In einer Fernsehreportage, die 1996 in Okaiboma, einem der größten Dörfer der Trobriand-Inseln, gedreht wurde, berichten die Einwohner einerseits über die Zunahme von Konflikten, die sie auf den Einfluss des Geldes zurückführen; andererseits wird geplant, Elektrizität einzuführen und der touristischen Erschließung der Gegend zuzustimmen.
1982 begann ein Forschungsprojekt, das die drei Fachgebiete Humanethologie, Ethnologie und Linguistik vereinte. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Institute unter der Leitung der Abteilung für Humanethologie des Max-Planck-Instituts in Andechs. Seitdem sind jedes Jahr Forscher auf einer der Inseln, was eine kontinuierliche Datengewinnung gewährleistet. Im folgenden werde ich die derzeitige Lebensweise der Trobriander unter verschiedenen Gesichtspunkten beschreiben. Besonders interessiert mich hierbei der Aspekt, inwieweit diese der von Wilhelm Reich beschriebenen heute noch entspricht.

Schwangerschaft und Geburt
Erstgebärende werden ab ca. drei Monate vor der Geburt wiederholt mit Kokosbast und Wasser abgerieben. Im 7. oder 8. Schwangerschaftsmonat verlässt die werdende Mutter die Hütte ihres Gatten und zieht zu ihren Eltern bzw. zum Bruder ihrer Mutter. Mit Beginn der Entbindung verlassen die Männer die Hütte. Mütter, Schwestern und andere weibliche Verwandte helfen bei der Geburt, man kann also davon ausgehen, dass auch Frauen, die selbst noch nicht entbunden haben, der Geburtsvorgang bekannt ist. Hinter der Gebärenden steht eine Frau, die ihren Rücken hält und leicht massiert, die Gebärende erhält einfühlsame Ermunterungen. Bei schweren Entbindungen wird der Körper der Frau mit aromatischen Blättern eingerieben, auch Zauberformeln werden gesprochen. Weitere Manipulationen finden nicht statt. Erst wenn der Kopf des Kindes erscheint, erhält die Gebärende die Aufforderung, fest zu pressen. Die Entbindung erfolgt in sitzender oder hockender Stellung.
Die Mutter darf die Hütte, in der sie entbunden hat, für einen Monat nicht verlassen. Sie wird mit Essen versorgt und von niemandem gestört. Der Frau wird dadurch ermöglicht, sich ausschließlich mit ihrem Kind zu befassen, was die Bindung fördert. Bei den Trobrianderinnen tritt keine Wochenbettdepression auf. Studien belegen, dass zwischen der in unserer Kultur häufigen Wochenbettdepression und der körperlichen Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt ein enger Zusammenhang besteht (Klaus, MH und Kennell, JH, 1987). Vermutlich stellt die Depression der Mutter eine evolutionsbiologisch verankerte Trauerreaktion dar, da der einzige Grund für das nicht vorhandene Kind – im Hinblick auf die Evolutionsgeschichte bis vor kurzer Zeit – im Tod des Kindes bestand.
Nach Ablauf des Monats wird die Mutter rituell gewaschen, danach geht sie mit dem Baby durchs Dorf und erhält von jedem kleine Geschenke. Anschließend verbringt sie einen weiteren Monat in der Hütte. Das Kind wird rund um die Uhr nach Bedarf gestillt – vorteilhaft auch für die Mutter, da dadurch ein Milchstau und die schmerzhafte Brustentzündung, die viele Frauen in westlichen Kulturen zum Abstillen zwingt, vermieden werden können. Der Arzt Horst Jüptner (Jüptner,1983) berichtet, in der Zeit seiner Anwesenheit auf Kiriwina von 1959 bis 1964 trotz primitivster hygienischer Verhältnisse nie eine solche Brustentzündung (Mastitis puerperalis) gesehen zu haben. Es wurde auch die Zufütterung von Kokosmilch und Yamsbrei beobachtet; inwieweit dies eine Anpassung an Flaschenernährung der westlichen Zivilisation darstellt, ist nicht bekannt.
Künstliche Babynahrung, Flaschen und Sauger kann man in Papua Neuguinea nur auf ärztliches Rezept bekommen – Entwicklungen wie in afrikanischen Ländern, in welchen massiv für industriell gefertigte Nahrung geworben wird und unzählige Flaschenkinder z.B. an Infektionen durch verunreinigtes Wasser sterben, traten hier nicht ein. Eine gezielte Untersuchung des Stillverhaltens, bei welcher vier Trobriandersäuglinge 856 Minuten lang beobachtet wurden, ergaben, dass die Länge des Stillvorgangs vom Säugling selbst bestimmt wird, nur selten unterbricht die Mutter den Stillvorgang, indem sie die Brust entzieht. Die Untersuchung zeigte als weiteres Ergebnis unter anderem auch eine auffällige Häufigkeit von sehr vielen kurzen Stillepisoden, die oft nur eine bis drei Minuten andauerten. Diese vom Kind ausgehenden häufigen, kurzdauernden Brustkontakte weichen sehr von der in unserer Kultur herrschenden Vorstellung ab, das Kind müsse einen „festen Rhythmus“ entwickeln und habe dann z.B. nur alle drei Stunden das Bedürfnis, gestillt zu werden.
Bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 12.000 gab es 1964 60 nichteheliche Kinder. Diese werden bei den Trobriandern von den Verwandten der Mutter adoptiert, da laut deren Ansicht keines der Glieder der Einheit Mann-Frau-Kind fehlen darf.Wenn ein Säugling stirbt, muss der Ehemann an die Familie der Frau Ausgleichszahlungen in Form von Tausch- und Zeremonialgegenständen leisten. Die Frau wird von ihren Verwandten bestraft, es wird ihr vorgeworfen, sich nicht gut genug um das Kind gekümmert zu haben.

Säuglinge und Kleinkinder
Eine Professorin der Forschungsgruppe hatte den Auftrag, für ein Biokommunikations-Projekt schreiende Trobriandersäuglinge aufzunehmen. Sie reiste mit leeren Tonbändern zurück nach Deutschland – es gab keine Gelegenheit zur Aufnahme, denn selbst wenn ein Trobrianderkind weint, was nicht häufig vorkommt, wird es sofort getröstet. Bei den oben erwähnten Forschungsarbeiten galt der frühen Kindheit besonderes Interesse. Das beobachtete Verhalten wurde von den Forschern schriftlich aufgezeichnet oder per Tonband, Film oder Video dokumentiert. Weitere Daten wurden durch gezielte Befragung gewonnen.
Die Säuglinge werden am Körper getragen. Wenn sie abgelegt werden, ist stets eine Kontaktperson dabei, die für das Kind da ist. So spielen, während die Mütter die schwere Gartenarbeit verrichten, Väter oder Geschwister mit dem Kind.
Größere Babies krabbeln zwischen den Erwachsenen und anderen Kindern herum, sie sind nie von sozialen Ereignissen ausgeschlossen und werden jederzeit hochgenommen, wenn sie es wollen. Auf jedes Bedürfnis wird sofort eingegangen, die Kinder bestimmen selbst, wann sie gestillt werden wollen. Im Gegensatz zur in unserer Kultur weit verbreiteten Auffassung, man solle Kinder nicht „verwöhnen“ sondern früh zur Unabhängigkeit erziehen, führt die Behandlung der Kinder bei den Trobriandern „nicht etwa zu quengeligen, verwöhnten Tyrannen, sondern zu früh autonomen, hilfsbereiten Kindern, die auch physisch beeindruckend gesund sind“ (Zimmer, 1992, S.39). Bereits im Alter von drei Jahren helfen die Kinder im Garten, im Haushalt und beim Fischen. Es bleibt ihnen dennoch viel Zeit zum Spielen.
Verhaltensweisen wie Daumenlutschen und die Verwendung sogenannter „Mutterersatz-“ oder „Übergangsobjekte“ wie Schmusedecken etc. sind bei den Trobriandern unbekannt. Die Forschungsgruppe setzte zur Verhaltensbeobachtung auch Aktometer ein, am Arm befestigte Messgeräte, die die Bewegungen von Mutter und Kind rund um die Uhr aufzeichneten. Besonders bei jungen Säuglingen und deren Müttern zeigte sich ein hohes Maß an Synchronisation der motorischen Aktivität: Es ergaben sich tagsüber wie nachts fast identische Kurven für Mutter und Kind, woraus gefolgert werden kann, dass jede Bewegung des Kindes von der Mutter sofort beantwortet wird. So wird das neben der Mutter liegende Kind auch nachts sofort gestillt, unmittelbar nach dem Stillen schläft die Mutter weiter, während der Vater gar nicht erst aufwacht. Wenn das Kind älter ist, wird auch die Mutter nicht mehr wach, weil es sich die Brust selbst nimmt.
Da sich das Verhalten gegenüber Säuglingen bei den Trobriandern mit nahezu allen traditionell lebenden Naturvölkern deckt, kann man davon ausgehen, dass es sich hierbei um angeborene Verhaltensweisen handelt. Die Grundbedürfnisse der Kinder in unserer Kultur unterscheiden sich von denen der Trobriander nicht, auch wenn ihrer Erfüllung unter anderem die hier vorherrschenden Erziehungsauffassungen im Wege stehen. Zudem sind in unserer Kultur die Möglichkeiten, Bedürfnisse der Säuglinge zu „erfühlen“ stark eingeschränkt, da die Kinder die meiste Zeit des Tages von ihren Bezugspersonen körperlich getrennt sind, z.B. in einer Babywippe, und die meisten Kinder nachts in einem Kinderbett schlafen. Die angeborenen Grundbedürfnisse und die Frustration der Säuglinge in unserer Kultur, auf die die Forscher in diesem Zusammenhang hinweisen, wurden bereits in den siebziger Jahren von der Autorin J. Liedloff in „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ thematisiert, die bei den Yequana-Indianern viele Erfahrungen machte, die sich mit den Beobachtungen bei den Trobriandern decken.

Erziehung
Den Kindern wird viel Toleranz entgegengebracht, es wurde von den Forschern nie beobachtet, dass ein Kind geschlagen wurde. Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie fröhlich und frei von Aggressionen die Kinder sind. Das Lernen erfolgt sehr früh durch Umweltreize, die das Kind dadurch, dass es immer unter Menschen ist, ständig erfährt. Es lernt durch Nachahmung der anderen und übernimmt zunehmend eigene Aufgaben. Die Kinder erlangen früh Selbstsicherheit, sie werden von den Erwachsenen nicht daran gehindert, mit gefährlichen Gegenständen wie z.B. Messern zu spielen. Da die Bindung zwischen Mutter und Kind sehr eng ist und das Kind selbst bestimmen kann, wann es sich von der Mutter entfernt, wobei es den Kontakt jederzeit wieder aufnehmen kann, leiden die Kinder nicht unter Verlustängsten und werden schneller selbständig als hierzulande.
Nach Abschluss des Stillens mit zwei bis drei Jahren schließt sich das Kind einer Spielgruppe an. Dies ist nicht mit unseren Kindergärten und Krippen vergleichbar: Es sind keine „Erzieherinnen“ zugegen und die Altersschichtung ist inhomogen. Durch das Spielen mit Kindern unterschiedlichen Alters haben die kleineren Kinder die Möglichkeit, von den größeren zu lernen.
Die Kinder werden nicht dazu angehalten, zu bestimmten Uhrzeiten zu schlafen, sondern schlafen ein, wenn sie müde sind. Das Schlafen beinhaltet für die Kinder nicht wie hierzu lande eine Trennungssituation, da hierfür bei den Trobriandern keine separaten Zimmer vorhanden sind.
Die Beschreibungen des Erziehungsstils sind nicht einheitlich: Es wird wiederholt geschildert, dass die Kinder bei den Trobriandern in absoluter Freiheit aufwachsen. Neuere Beobachtungen zeigten einen zunächst permissiven Erziehungsstil, der mit zunehmendem Alter des Kindes leitender und restriktiver wird. Die Solidarität innerhalb der Kindergruppe ermöglicht den Kindern allerdings, sich im Falle eines Verbots gegenüber den Erwachsenen durchzusetzen.

Jugendliche
Bei den Trobriandern tritt kein Generationskonflikt auf, die Jugendlichen sind stolz auf die Traditionen ihrer Vorfahren. Die in der Kindheit geschaffene gute Bindung erlaubt den Jugendlichen, die Verhaltensregeln der Gruppe, in der sie leben, zu übernehmen. Die Übernahme vorgegebener Strukturen scheint ein starkes Grundbedürfnis zu sein, was sich bei unseren Jugendlichen z.B. in der Nachahmung von Idolen zeigt.
Es ist üblich, dass die Jugendlichen die Hütte ihrer Eltern früh verlassen, die Jungen ziehen in das Junggesellenhaus „bukumatula“, die Mädchen zu einer ihrer Tanten. Die Jugendlichen beginnen nun, die Gesellschaft des anderen Geschlechts zu suchen und sind bis zu ihrer Heirat völlig ungebunden. Schon bei ca. 15-jährigen Jugendlichen wird die Sexualität aktiv gefördert, indem ihnen die Eltern ein Junggesellenhaus errichten, in welchem sie ungestört sexuelle Erfahrungen sammeln können. Reich hatte die Bedeutung dieser bejahenden Haltung gegenüber der Sexualität, die sich in dieser Unterstützung zeigt, besonders im Hinblick auf die Entwicklung sexuell nicht blockierter Charaktere hervorgehoben. Es besteht heute vielfach die Auffassung, die Jugendlichen hätten auch in unserer Gesellschaft inzwischen keine Probleme mehr in diesem Bereich. Die tägliche Flut an Anrufen und Briefen in der Redaktion einer Jugendzeitschrift, in welcher ich eine Zeitlang tätig war, offenbarte jedoch massive Schwierigkeiten. Eine andere weit verbreitete Auffassung ist, ohne sexuelle Verbote nehme die Promiskuität zu und ein zügelloses Chaos könne entstehen. Dies tritt jedoch bei den Trobriandern nicht ein: Im Bukumatula finden keine Orgien statt, es wird von jedem erwartet, dass andere anwesende Paare nicht beobachtet oder gestört werden. Wenn die Jugendlichen genügend Erfahrungen mit verschiedenen Partnern gesammelt haben, heiraten sie und haben – bis auf Ausnahmen, z.B. innerhalb bestimmter Rituale – nur mit ihrem Ehepartner Geschlechtsverkehr.

Sexualität
Als Psychoanalytiker interessierte sich Reich dafür, woran es lag, dass ein Teil der Patienten nach Abschluss der Therapie geheilt war, während ein anderer Teil wieder in die Neurose zurückfiel. Er machte die Beobachtung, dass die von Neurosen befreiten Patienten sich von der anderen Gruppe dadurch unterschieden, dass sie ein befriedigendes Sexualleben führen konnten. Ausgehend davon erforschte Reich die Bedeutung der Sexualität für die psychische Gesundheit. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass es zum Verständnis der Bedeutung der Sexualität im Reichschen Werk notwendig ist, seine Originalschriften zu lesen, da der Begriff „sexuelle Freiheit“ meistens missverstanden wird. Häufig wird zum Beispiel geäußert, Reich habe ja zu seiner Zeit recht gehabt, aber heute wäre die Sexualität doch kein Problem mehr, im Gegenteil, man brauche sich doch nur umzusehen, überall seien nackte Frauen abgebildet und die Leute würden grenzenlos ihre Sexualität in allen Varianten ausleben. Gerade die Erscheinungen, die in dieser Argumentation als Beispiel für „sexuelle Freiheit“ genannt werden, wurden von Reich als Kompensation einer nicht wirklichen genitalen Befriedigung betrachtet, welche aus der Sexualunterdrückung resultiert. Dass es auch schon zu Reichs Lebzeiten sowohl Pornographie als auch Menschen gab, die sich „auslebten“, lässt sich unschwer nachweisen, zumal dies in Reichs Werken beschrieben und heftig kritisiert (!) wurde.
Reich stellte die These auf, dass ein Mensch, der in seiner Kindheit nicht der sexualfeindlichen Haltung unserer Gesellschaft ausgesetzt ist und dadurch seine sexuelle Erlebnisfähigkeit beibehalten kann, in der Lage ist, gemeinsam mit dem Partner vollständige sexuelle Befriedigung zu erlangen und kein Bedürfnis nach sexuellen Perversionen und Draufgängertum entwickelt. Auch die Überbesetzung des Inzestwunsches entstehe in unserer Kultur erst durch die allgemeine Triebeinschränkung. So erzeuge ein Wegfall der moralischen Hemmung die sexual ökonomische Regulierung des Liebeslebens, während Sexualmoralismus das Gegenteil zur Folge habe. Durch eine Erhöhung der Bedürfnisspannung, wenig äußere Befriedigungsmöglichkeit und vor allem wenig innere Befriedigungsfähigkeit sei die sexuelle Lüsternheit und Unersättlichkeit typisch für Neurotiker unserer Gesellschaft, auch Promiskuität und Untreue sind hier häufiger als bei den Trobriandern.
Die Entwicklung der eigenen Sexualität beginnt bei den Trobriandern bereits im Kindesalter in Form von Erkundung der eigenen Geschlechtsteile und sexuellen Spielen mit anderen Kindern, woran sie von Erwachsenen nicht gehindert werden. Auch die Jugendlichen erfahren keine sexuellen Einschränkungen. Auch heute noch darf ein Mädchen bis zu ihrer Heirat jeden Mann lieben, anschließend nur noch den Ehepartner. Eine Ausnahme bildet das Erntefest; in dieser Zeit ist der Frau wieder erlaubt, jeden Mann zu lieben.
Die jüngere Forschung findet also noch die gleichen sexuellen Verhaltensweisen vor, wie sie schon von Malinowski beschrieben wurden, allerdings mit der Einschränkung, dass die Altersangaben Malinowskis inzwischen bezweifelt werden, da die Jugendlichen in dieser Region langsamer wachsen und damit etwas jünger wirken. Das Verlassen des Elternhauses und die Aufnahme sexueller Beziehungen findet somit mit 15 oder 16 Jahren statt und nicht mit, wie früher angenommen, 12 Jahren. Außerdem wird heute kritisiert, Malinowski habe behauptet, bei den vorehelichen Liebesbeziehungen trete keine Eifersucht auf (Schiefenhövel,1996, vgl. Schlesier,1979). Tatsächlich berichtet Malinowski jedoch eingehend über das Problem der Eifersucht bei den Trobriandern (Malinowski, 1987, S.271-273).
Während es in manchen Gebieten Neuguineas ritualisierte Formen homosexueller Beziehungen mit Jugendlichen gibt, ist diese Erscheinung bei den Trobriandern unbekannt. Es finden bei den Trobriandern auch keine sexuellen Übergriffe Erwachsener gegenüber Kindern statt.
„Whereas it is not uncommon that New Guinean mothers fondle the genitals of their infants, possibly causing an erection, and make humorous remarks about children’s genitals, in none of the various Papuan and Austronesian groups with which the author has lived in the course of the past 24 years has he ever seen any sign or heard of adults engaging in sexual intercourse with children.“ (Schiefenhövel, 1990, S.407)
Der bekannte Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeldt beschreibt angeborene Schutzmechanismen, welche derartige Übergriffe verhindern: Der sogenannte „Westermarck-Effekt“ bedeutet, dass eine erotische Bindung des Kindes an seine Bezugspersonen aus frühester Kindheit verhindert wird; der „Coolidge-Effekt“ beinhaltet ein mangelndes sexuelles Interesse der Eltern am Kind, das sie täglich versorgen. Eingeschränkte Wirksamkeit dieser biologischen Mechanismen in unserer Kultur, in welcher größere Distanz zwischen Eltern und Kind besteht, kann als zusätzliche Erklärung neben der W. Reichs für das Auftreten sexueller Gewalt gegenüber Kindern, besonders durch Stiefväter, gelten.
Anlässlich der Menarche (Eintritt der ersten Regelblutung eines Mädchens) findet bei den Trobriandern keine besondere Zeremonie statt, die erste Regelblutung scheint als natürlicher Vorgang angesehen zu werden, dem keine besondere Beachtung geschenkt wird.
Post-partum-Koitustabu: Nach der Geburt dürfen die Eheleute ungefähr ein Jahr lang keinen Geschlechtsverkehr haben, in manchen Gegenden gilt das Tabu während der gesamten Stillzeit. Den Ehemännern sind bei den Trobriandern in dieser Zeit Affären mit anderen Frauen gestattet. In einem Interview, das der Humanethologe und Ethnomediziner Wulf Schiefenhövel 1979 auf der Trobriand-Insel Kiriwina durchführte (Schiefenhövel, 1983), deckte nach Meinung der Befragten die Sorge um den Säugling mit nahezu ständigem Hautkontakt so viel an Bedürfnissen ab, dass man den Frauen das Verkraften der sexuellen Abstinenz zutraute.
In anderen Kulturen leben in der Zeit des Tabus auch die Ehemänner abstinent. Bei den Me’udana in Südost-Neuguinea wird zum Beispiel angenommen, es schade dem Kind, wenn die Eltern während der Stillperiode Geschlechtsverkehr hätten. Nach etwa zwei Jahren, wenn das Kind laufen und etwas sprechen kann und sich gut entwickelt hat, meint man, es habe genug Muttermilch erhalten. Nach der Entwöhnung nehmen die Eltern den Geschlechtsverkehr wieder auf.
Problematisch ist der Einfluss der Missionare, die das Tabu des Geschlechtsverkehrs während der bis zu drei Jahren andauernden Stillzeit als Aberglaube abtun, da dadurch ein wesentlicher Teil der natürlichen Geburtenkontrolle verlorengeht.
Im Rahmen der Aktometermessungen wurde bei einem Ehepaar beobachtet, dass das Post-partum-Koitusverbot nicht mehr beachtet wurde; ob dies inzwischen in zunehmendem Maße der Fall ist oder eine Ausnahme darstellt, ist unbekannt.
Die Trobriander wissen über die physiologischen Vorgänge der Zeugung Bescheid, die magischen Vorstellungen über Entstehung der Kinder, die bei Malinowski beschrieben sind, werden von der jüngeren Generation belächelt. Es ist naheliegend, dass der Zusammenhang zwischen Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft auch in Gesellschaften bekannt ist, bei welchen zusätzlich magische Vorstellungen existieren, was sich gegenseitig nicht ausschließen muss. Schließlich wird die Frage, wie Leben entsteht, auch durch eine rein aus dem naturwissenschaftlichen Weltbild stammende Denkweise nicht erklärt.
Malinowski hatte berichtet, er könne ein Wissen über Verhütungsmethoden bei den Trobriandern mit Sicherheit aus schließen. Im Jahre 1962 wurden 500 Personen auf Kiriwina für eine Erhebung in Bezug auf die Häufigkeit von Krebserkrankungen untersucht, wobei bei zahlreichen Frauen im Zervixkanal Gebilde aus zusammengerollten Blättern gefunden wurden, die – was auf Befragen bestätigt wurde – der Schwangerschaftsverhütung dienen sollten. Auch Pflanzenextrakte zum gleichen Zweck sind bekannt, z.B. soll das Trinken von drei Tassen Hemigraphisblätterextrakt das Entstehen einer Schwangerschaft für die Dauer eines Jahres verhindern.

Krankheiten
Die obengenannte Untersuchung bei den Trobriandern ergab u.a. ein selteneres Auftreten von Gebärmutterhalskrebs als in Europa. Interessanterweise wird laut hiesiger Lehrmeinung häufiger Geschlechtsverkehr als Risikofaktor für diese Erkrankung betrachtet.
Syphilis wurde dort nie vorgefunden, Eierstockentzündung und Myome traten extrem selten auf.
„Zivilisationskrankheiten“ wie Bluthochdruck, Herzinfarkt u.a. sind bei den Trobriandern nicht bekannt.
Ein weltweit verbreitetes Problem, das auch bei den Trobriandern häufig auftritt, ist der Wurmbefall.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die meisten der von Malinowski beschriebenen lustbejahenden Elemente in der Lebensweise der Trobriander, auf die sich Wilhelm Reich bezieht, noch heute existieren. Wie lange sich diese Elemente angesichts des zunehmenden Einflusses der Kapitalwirtschaft und der damit verbundenen Umstrukturierung halten können, ist ungewiss. Es stellt sich die Frage, inwieweit wir zum Erhalt solcher Kulturen beitragen können. Kritisches Konsumverhalten stellt hierbei einen wesentlichen Faktor dar. Dies schließt auch ein, die Umstände in unserer eigenen Kultur lebensfreundlicher zu gestalten, statt den Tourismus in „ursprünglichere Gegenden“, wo diese Lebensweise noch erhalten ist, zu unterstützen.

Literaturangaben:
Eibl-Eibesfeldt, I.: Sexual Pathologies from the Perspective of Ethology. In: Pedophilia, Hrsg. J.R. Feierman. New York: Springer, 1990
GEO, 11/93, Hamburg: Gruner & Jahr, 1993
Gottschalk-Batschkus, C. und Schuler, J. (Hrsg.): Ethnomedizinische Perspektiven zur frühen Kindheit. Berlin: VWB-Verlag für Wissenschaft und Bildung, 1996
Jüptner, H.: Geburtshilflich-gynäkologische Beobachtungen bei den Trobriandern. In: Curare Sonderband 1/83. Braunschweig/Wiesbaden: Friedr. Vieweg & Sohn,1983. S. 137-141
Klaus, MH und Kennell, JH: Mutter-Kind-Bindung. München: dtv, 1987
Malinowski, B.: Korallengärten und ihre Magie: Bodenbestellung und bäuerl. Riten auf den Trobriand-Inseln. Frankfurt am Main: Syndikat, 1981
Malinowski, B.: The Sexual Life of Savages in North-Western Melanesia. Boston: Beacon Press, 1987
Reich, W.: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Hamburg: Fischer Taschenbuch Verlag, 1975
Reich, W.: Die Funktion des Orgasmus. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1969
Schiefenhövel, W.: Weitere Informationen zur Geburt auf den Trobriand-Inseln. In: Curare Sonderband 1/83. Braunschweig/Wiesbaden: Friedr. Vieweg & Sohn,1983. S.143-150
Schiefenhövel, W. u.a.: Im Spiegel der Anderen. München: Realis Verlags-GmbH, 1993
Schiefenhövel, W.: Ritualized Adult-Male/Adolescent-Male Sexual Behavior in Melanesia: An Anthropological and Ethologocal Perspective. In: Pedophilia, Hrsg. J.R. Feierman. New York: Springer, 1990
Schlesier, E.: Me’udana (Südost-Neuguinea). Die Empfängnistheorie und ihre Auswirkungen. In: Curare Sonderband 1/83. Braunschweig/Wiesbaden: Friedr. Vieweg & Sohn,1983. S. 151-158
Sharaf, M.: Fury on Earth. New York: St. Martin’s Press, 1983
Zimmer, K.: Gute Bindungen machen selbständig. In: Die Zeit, 25.9.1992, S.39